Geschichte

Das Gut von Gourville am Anfang

Ammonites ramassées dans les champs au début des années 1900.

Anfang der 1900er Jahre auf den Feldern aufgelesene Ammoniten

Hätte es Gourville vor 30 Millionen Jahren gegeben, wäre es ein Seebad gewesen: das Meer reichte bis zur Furt von Longroi, einige Kilometer von hier. Man könnte sogar in die Zeit weiter zurückgehen, denn Ammoniten sind früher von Bauern aufgelesen worden, als sie kalkhaltige Böden umpflügten, unweit von Gourville. Ammoniten sind groβe fossilierte Meeresschnecken, die es vor über 100 Millionen Jahren gab und zur gleichen Zeit wie die Dinosaurier ausgestorben sind.

Aber beschränken wir uns auf neuere Zeiten !

Gourville liegt in der Beauce, an der Grenze zum Hurepoix. Archäologen haben in der näheren Umgebung (Prunay)  Spuren vom Nomadismus (Feuerstein) aufgezeichnet, die 500 000 Jahre alt sein dürften (Paläoarchaikum). Zu der Zeit sah die Beauce einer Tundra ähnlich, dann bildeten Bäume (Eichen) wegen wachsender Wärme und Feuchtigkeit einen riesigen Wald. Auf dem Gut von Gourville ist Sesshaftigkeit nachgewiesen worden; die Menschen widmeten sich der Jagd auf Auerochsen und Rehe (Mesoarchaikum, etwa 10 000 Jahre vor Chr.). Zu jener Zeit bewohnte Höhlen wurden in dem Hügel entdeckt, der unter dem jetztigen Golfplatz von Rochefort en Yvelines (15 Kilometer von Gourville entfernt) liegt. Später holzten die Menschen ab, als sie feststellten, dass der Boden besonders fruchtbar war, bestellten den Boden und bauten stärkehaltigen Weizen, Gerste, Einkorn und sogar Leinen (mittleres Neoarchaikum, etwa 3 500 Jahre vor Chr.). Sie sollten sich die archäologischen Ausgrabungen von Auneau, 5 Kilometer von Gourville entfernt,  anschauen! Aber die Jagd auf Wildschwein, Hirsch und Biber blieb wichtige Nahrungsquelle.

Die villae

Es scheint, dass die erste echte Besiedlung in der Beauce die der Karnuten war, einer keltischen Volksgruppe. Sie haben ab 600 vor Chr. Spuren hinterlassen. Druiden, goldene Sicheln, in den Bäumen gebaute Hütten, um Barden aufzunehmen (gab es nicht eine in Gourville ?) … wir dürften diesen ganzen Hokuspokus den Karnuten verdanken. Tatsache ist, dass wir über sie sehr wenig wissen vor der Römerzeit, wo sie durch ihren heftigen Widerstand gegen Julius Cäsar glänzten. Und da Julius schreiben konnte, wissen wir ungefähr, was sich da abspielte. Fest steht, dass in den Ebenen der Beauce nach der Ernte von der Luft aus die Grundrisse von gallischen Bauernhöfen und römischen Villen erkennbar sind.  Diese Villen sind ehemaligen Bauernhöfe der Karnuten, die die Römer als Massivbau neu gebaut haben: mit Steinmauern, Dächern aus Ziegeln und reineren geometrischen Formen. Fachmann für solche Luftarchäologiebilder  ist Daniel Jalmain, ehemaliger Leiter des Collège Juliette Adam in Gif-sur-Yvette, wo Marlyse in den 70er Jahren unterrichtete (in den 1970er Jahren! Vertauschen wir die Jahrtausende nicht!)

Trace de villa

Grundriss einer römischen Villa,.Das Foto wurde in der Beauce nach der Sommerernte von einem kleinen Tourismusflugzeug aus aufgenommen

Es gab eine Villa in der Nähe einer Quelle tief in einer Talmulde an einer Stelle, die wir heute Gourville nennen. Leider haben die jetzigen Bauten, die nahe Autobahn und die Wälder dazu geführt, dass keine brauchbaren Bilder aus der Luft gemacht werden konnten. Dabei lag diese Stelle an der Kreuzung von zwei wichtigen römischen Straβen: Chartres-Lutetia und Laon-Orléans. Eine kleine römische Garnison kontrollierte da den Verkehr und sorgte für Ordnung.

Münzen, die anlässlich des tausendsten Gründungsjahres von Rom geprägt und in der Nähe der Grundmauern der Villen der Umgebung gefunden wurden

Die Ausgrabungen haben die Entdeckung von römischen Münzen ermöglicht. Man braucht, sich nur die schönen Exemplare anzusehen, die in Ouarville und in der Nähe von Gourville gefunden wurden. Sie wurden anlässlich des 1 000sten Gründungsjubiläum von Rom 753 vor Chr. geprägt: diese Münzen sind also gegen Ende des 3. Jahrhunderts vor Chr. in der Beauce herumgegangen und zeugen von dem Vorhandensein einer römischen Straβe an dieser Stelle.

Die Goten

Der römische Friede („pax romana“) dauerte einige Jahrhunderte. Im vierten Jahrhundert flohen immer mehr Leute aus Mitteleuropa vor  den Eindringlingen aus Asien; unter ihnen waren am Anfang der 400er Jahre Attila und seine Hunnen wohl die berühmtesten. Die Römer standen riesigen Schwierigkeiten gegenüber, um die Grenzen aufrechtzuerhalten. In Rom steckte die Macht in einer Krise, Chaos herrschte in der Armee und deshalb boten die Römer diesen Migranten, was wir heute Partnerverträge nennen würden, die ihnen die Niederlassung in Gallien erlaubte im Tausch gegen verschiedene Dienste wie den Limes bewachen, oder man kaufte sogar ihre Neutralität: die Westgoten zum Beispiel haben 410 Rom geplündert; Rom kaufte ihren Weggang, indem es ihnen es ihnen Aquitanien schenkte.

Es gibt heute viele Gemeinden in der Beauce, deren Name auf diese Zeit der Völkerwanderung (dafür sagen die Franzosen „barbarische Invasionen“, wobei natürlich Invasion Einwanderung heiβt und Barbaren Nicht-Christen. So kamen die Allanen am Anfang der 40er Jahre: daher der Name Allainville, eine Gemeinde 15 Kilometer von Gourville entfernt. Alles scheint, die Vermutung zu bestätigen, dass eine Gruppe von Goten sich in dem Lager niederlieβ, das von den Römern aufgegeben worden war; daher der Name Gohervilla, Hogervilla, Guntherii, Gourville. Diese Niederlassung dürfte am Ende des 4. Jahrhunderts stattgefunden haben. 

Die Grafschaft von Chartres

Diese Einwanderungen, ob friedlich oder nicht, endeten im 5. Jahrhundert mit der Gründung der fränkischen Königreiche. Von dieser Zeit an bis zur Gründung der Departements am Ende des 18. Jahrhunderts ist die Geschichte von Gourville die der Grafschaft von Chartres. Die Grafschaften waren Verwaltungseinheiten, die es schon bei den Römern gab und die in der merowingischen Gesellschaft eine groβe Rolle spielten so wie auch später. Die Grafen, Vertreter des Königs in den Städten, übten die administrative, die gerichtliche, die finanzielle, manchmal auch die militärische Gewalt aus. Nach Chlodwigs Tod kam die Gegend von Chartres an Clodomir, einen seiner Söhne, dann folgten Gutsbesitzer, die den Titel eines Grafen trugen, aufeinander und sie griffen gern zum Mord, um zu klären, wer rechtmaβiger Erbe sein sollte. Bis zu Karl dem Groβen, der für etwas Ordnung sorgte in diesem Durcheinander von meistens wenig fähigen Führern. Aber dann fing nach ihm alles wieder von vorne an, bis 872, als die von Graf Hastings geführten Normannen Chartres eroberten. Später nahm es der Däne Rollon ein. Das war vor der Zeit Theobalds des Betrügers, von dem später die Rede sein wird.

Gourville an der Grenze zwischen Karnuten und Parisiern

Le péage des carnutes/parisii dans sa version du XXIe siècle !

Die Mautstelle zwischen Karnuten und Parisiern in ihrer Auflegung des 21. Jahrhunderts

Gourville stand abseits von den Wirren in Chartres, weil es an der Grenze des Landes der Karnuten lag, kurz vor dem Land der Parisier. Heute würde man sagen zwischen den Départements Eure-et-Loir und Yvelines, oder um es mit den Autokennzeichen auszudrücken, zwischen 28 und 78…  Mit Orléans im Süden, der Feindesstadt von Chartres während über 1 000 Jahre…

Gourville grenzte im Norden an Montfort und im Osten an Rochefort. Im Nord-Osten an den Wald von Aquilina, später Wald von Yveline genannt und heute Wald von Rambouillet. Unweit von Rochefort das Königsgebiet von Dourdan. Hier muss die Geschichte des Todes vom heiligen Arnulf erzählt werden. Es ist eine interessante Anekdote über die „neue“ Mautstelle von St Arnoult en Yvelines, einer der gröβten weltweit, wo beide groβen Verkehrswege zwischen früher Lutetia und Carnoteum einerseits und  Lutetia-Cenabum andererseits, heute Paris-Chartres und Paris-Orléans zusammenstoβen. 

Arnulf

Bannière de Saint Arnoul martyr

Banner  vom Heiligen Arnulf, Märtyrer

Arnulf, Bischof von Tours, mit Scariberge verheiratet, Clodwigs  Neffe und  Vertrauter, verbrachte viel Zeit mit ihm bis zu seiner Ermordung 534 in Soissons.

Da er gewünscht hatte, in seinem Bistum von Tours begraben zu sein, wurde sein Leichnam dank seiner Diener und seiner Frau dorthin transportiert. Ungefähr zehn Kilometer von Gourville weigerten sich die Pferde hartnäckig, weiter zu gehen; darin sah man ein Zeichen Gottes und er wurde dort begraben; dort entstand ein Flecken, der trägt heute seinen Namen:  Saint-Arnoult en Yvelines, die Kreisstadt von Gourville.

Soweit die offizielle, himmlische Auffassung. Es gibt aber eine andere: an der Grenze des Landes der Parisier war eine Maut fällig, um ins Land der Karnuten reinzudürfen. Es handelte sich um eine prächtige Equipage (Arnulf war nicht nur  vermögend, er stand auch Chlodwig sehr nah, und er war dazu für seine vielen Wunder bekannt), die verlangte Summe war daher sehr hoch. Während der langen Verhandlungen machten sich die Diener aus dem Staube und Scariberge stand nun alleine da. Um der Verwesung zuvorzukommen, wurde der Leichnahm des Verstorbenen an Ort und Stelle begraben. Ein interessantes Buch wurde von Jean-Claude et Marie-Josèphe Houssinot darüber geschrieben  (Association Historique de St Arnoult en Yvelines).

Die Mautstelle der Karnuten, die gibt es im 21. Jahrhundert weiter… und es ist immer noch ganz schön teuer!...